Was ist Rolfing?

Rolfing ist eine manuelle Behandlungsmethode, um Blockierungen im Fasziensystem systematisch zu beseitigen. Damit werden indirekt Blockaden des Bewegungsapparates verringert. Dazu sucht Rolfing methodisch Verspannungen im Muskelsystem auf und reduziert dessen Grundspannung. Zusätzlich kann dieser Behandlungsansatz sehr gut auf Nerven und Organe erweitert werden. Der ganzheitliche, unterstützende Ansatz ermöglicht das große Anwendungsgebiet von Rolfing. Dieses reicht vom Einsatz als Schmerztherapie bis zur Steigerung des Wohlempfindens im eigenen Körper.

Was für eine Medizin ist Rolfing?

Etwas gewagt möchte ich Medizin in 3 Kategorien unterteilen: Medizin in Chemie, in Zeit und im Raum. Medizin in Chemie ist der große Bereich der Medikamenten-Medizin, d.h., die Störung befindet sich in unserem Stoffwechsel- oder Botenstoff-System und die internistische Medizin ist ihr herausragender Vertreter. Medizin in der Zeit bezieht sich auf Störungen, die in der Vergangenheit geschehen sind und sich auf uns heute auswirken, seelische Traumata und prägende Zeiten, die uns weiterhin verfolgen. Dies ist die Domäne der Psychotherapie.

Medizin im Raum bezieht sich auf unsere Ausrichtung und Bewegung im Raum. Störungen reichen von Haltungsproblemen wie Skoliose bis zu verfrühtem Gelenkverschleiß, von Verspannungen bis zu chronischen Entzündungen aufgrund von Überbelastung. Der klassische medizinische Vertreter ist die Orthopädie und als manuelle Therapieformen die Osteopathie, die Feldenkrais-Methode, die Chiropraktik und das Rolfing.

Erweiterungen im Feld der Medizin im Raum sind vor allem durch Jean-Pierre Barral geschehen. Barral hat gezeigt, dass viele Probleme in unserem Bewegungsapparat durch räumliche Einschränkungen im Organ- oder Nervensystem ausgelöst werden. Spannungen in der Leber können zu Schmerzen in der rechten Schulter führen, Kompression der Nierenvenen zu morgentlichen Rückenschmerzen. Daher ist die viszerale und neuronale Osteopathie eine ideale Ergänzung zum klassischem Rolfing als Medizin im Raum.

Wieso darf sich eine Therapie gut anfühlen?

Wir sprechen von bitterer Medizin so, als sei „bitter“ ein Gütesiegel. So, als müsse der Weg zu Heilung und Gesundheit immer schmerzhaft sein. Dabei ist Schmerz, vor allem in der manuellen Therapie, meist eine vermeidbare Nebenwirkung, ein Kollateralschaden. Schmerzen entsprechen einer negativen Bewertung der angestrebten Veränderung durch unser Gehirn. D.h., Schmerzen behindern Veränderungen und Heilung!

Wie positiv kann eine schmerzhafte Behandlung überhaupt nachwirken, wenn die Therapie sich auf unsere Spannungen im Körper, auf unsere Ausrichtung im Raum beziehen soll? Im Gegensatz zur Versorgung z.B. einer Wunde ist unsere Verspannung, unser Bewegungsmuster immer von unserer Bewertung und dem Empfinden von Sicherheit abhängig. Daraus folgt für mich, Medizin im Raum darf nicht bitter, sondern muss süß sein.

Welches Konzept verfolgt Rolfing?

Wir beginnen unser Menschenleben fast als Wurm, um uns dann gegen die Schwerkraft aufzurichten. Wer Säuglinge beobachtet, sieht, mit welchem Eifer wir unsere Aufrichtung verfolgen. Trotz tausendfacher Rückschläge landen wir schließlich auf zwei Beinen und damit formt sich unser Körper um. Wir entwickeln ein Fußgewölbe nicht um Last zu tragen, sondern weil Last von oben wirkt und sich das Gewebe in unserem Fuß dieser entgegensetzt. Deswegen bezeichnet Rolfing die Schwerkraft als die ordnende Kraft, die uns letzten Endes in die Aufrichtung bringt. Trotzdem sind wir nicht alle und nicht immer erfolgreich in dieser Aufrichtung.

Rolfer betrachten das Lot eines Körpers, um festzustellen, wie effizient diese Aufrichtung gegen die Schwerkraft gelingt. Dabei führen Abweichungen von einer Idealline immer zu einem Mehr und Zuviel an Spannungen und damit zu unnötigem Energieverbrauch und letzten Endes zu mehr Verschleiß. Das sichtbare Ziel von Rolfing ist die verbesserte Aufrichtung am Lot der Schwerkraft.

Ist Rolfing für Sie geeignet?

Öffnen Sie den Fragebogen

Fragebogen
1
Haben Sie Schmerzen?
2
Sie beschreiben Ihren Muskeltonus als
3
Sie haben Verspannungen
4
Sie hatten Unfälle oder Operationen in der Vergangeheit, die als ausgeheilt gelten
5
Sie haben Erfahrung mit Körpertherapie oder Massage
6
Sie wollen Veränderung

Der Wunsch nach Veränderung kann mit der eigenen Haltung oder Flexibilität zusammenhängen. Oder er erwächst konkret aus Schmerzen und einer eingeschränkten Beweglichkeit. Vielleicht möchten Sie aber auch einfach Ihr persönliches Wohlbefinden verbessern.

Wer hat’s erfunden?

Nicht die Schweizer, sondern die amerikanische Tochter Schweizer Auswanderer: Dr. Ida Rolf. Sie war studierte Biochemikerin und hat ab 1920 für 12 Jahre am Rockerfeller Institut in New York gearbeitet. Während dieser Jahre studierte sie auch in der Schweiz Mathematik und Physik.

Ihr späterer Lebensweg führte sie dann zur manuellen Medizin. Dabei verwendete sie Konzepte aus der osteopathischen Medizin, Yoga und anderen manuellen Therapien, um einen organisierten Ansatz zur Analyse und Anpassung der Spannung in den faszialen Schichten des Körpers zu entwickeln. Dr. Ida Rolf nannte ihre Methode selbst „Strukturelle Integration“. Das Ziel ihrer Arbeit bestand darin, die strukturelle Ausrichtung des Körpers so zu verändern, dass er besser funktioniert und sich an äußere Kräfte anpassen kann. Ihre grundlegende Prämisse war, dass jeder Körper sich im Raum und in der Schwerkraft organisieren muss, insbesondere in der aufrechten Position. Sie war bereit, jede Arbeit, die diesem Ziel diente „strukturelle Integration“ zu nennen.

The strength idea has effort in it; this is not what I’m looking for. Strength that has effort in it is not what you need; you need the strength that is the result of ease.

Dr. Ida Rolf

Warum die 10er Serie?

Die 10er Serie ist im Rolfing ein Basiskonzept, um systematisch Verspannungen im Körper auszugleichen. Dabei besitzt die Abfolge der Rolfing-Sitzungen eine innere Logik. Diese ermöglicht die schrittweise Anpassung der eigenen Statik an eine veränderte Körperspannung. So ermöglicht z.B. die erste Sitzung eine Veränderung der Lastaufnahme im Fuß, welches ein Ziel der zweiten Sitzung ist. Erst diese sinnvolle Reihenfolge erlaubt eine nachhaltige Veränderung, da die Anpassungsfähigkeit im Oberkörper eine Voraussetzung für die Neuausrichtung im Fuß und in der Wade darstellt.

Dieses Basiskonzept ist keine Sequenz von manuellen Techniken, sondern die Abfolge unterschiedlicher Ziele. Wie die Ziele umgesetzt werden, ist von den Beschwerden und Wünschen des Klienten abhängig und deswegen unterscheidet sich die 10er Serie von Klient zu Klient. Es ist wie das „Konzept von Pizza“, das aus der sinnvollen Abfolge von Bodenteig, Tomatensauce-Zwischenlage und Belag besteht. Auch dieses doch recht einfache Pizza-Basiskonzept ermöglicht eine unendliche Anzahl an Variationen. Entsprechendes gilt für das sehr viel komplexere Basiskonzept der Rolfing 10er Serie.

Die Rolfing 10er Serie ist wie die 100.000 km Inspektion bei ihrem Allzeit-Lieblingsauto. Sie ist sinnvoll, es gibt weniger Verschleiß, alles läuft „irgendwie“ runder und gewisse Reparaturen werden gleich mitgemacht. Auch wenn Sie möglicherweise mehr Zeit für Schaumwäsche, Lotusglanz und Felgenwechsel verbracht haben, im Zweifelsfalle ist jetzt die Zeit für eine große Inspektion.

Muss ich die 10er Serie machen, wenn ich akute Probleme habe?

Nein, der Umfang der Rolfing-Möglichkeiten ist so groß, dass auch außerhalb der 10er Serie gearbeitet werden kann. Dies ist sogar das ausdrückliche Ziel der „Advanced" Zertifizierung im Rolfing, um fasziale Therapie gezielt für klinische Beschwerden einzusetzen. In der Abgrenzung zu seelenverwandten Therapieformen wie Osteopathie oder Chiropraktik fahndet Rolfing vermehrt nach vorhandenen Verspannungen und Kompensationen, die als Ausgleich zu den eigentlichen klinischen Symptomen entstanden sind. Ganzheitlich heißt dabei zu schauen, was es neben der symptomorientierten Behandlung braucht, um eine strukturelle Integration zu erreichen.

Um dies mit einem Bild zu veranschaulichen: Sie führen einen Hund an der Leine in den Wald, um ihm dort freien Auslauf zu gewähren. Dieser Hund wird im Wald zwar von der Leine gelassen, nutzt die Freiheit jedoch nicht zum Toben, sondern trottet weiter wie gewohnt neben Ihnen her. Und auch aufmunterndes Rufen „Lauf!“, „Spiel!“ ändert nichts an seinem beständigen, vertrauten Nebenhertrotten. Nur das Lösen der Leine führt eben nicht zur gewünschten und genutzten Bewegungsfreiheit. Es bedarf zusätzliches Verständnis, Erfindungsreichtum und Geduld, damit die Freiheit von der Leine auch genutzt und genossen werden kann.


Der ganzheitliche Ansatz von Rolfing

Entsprechendes gilt auch bei einer symptomorientierten Therapie. Es reicht meist deshalb nicht, nur die Leine zu lösen und auf ein gutes Nutzen dieser Freiheit zu hoffen. Dies gilt umso mehr, je länger Beschwerden bestanden haben. Ganzheitlich heißt hier, wie bei dem erwähnten Hund, einen positiven und sicheren Lern- und Wahrnehmungsprozess zu beginnen. Nur so sind Veränderungen zu erreichen und nachhaltig zu verankern. Deswegen ist es mir so wichtig, dass die manuelle Therapie und die Veränderung mit Wohlempfinden verbunden wird. Auch wenn wir groß und erwachsen sind, unsere eigene Körperwahrnehmung reagiert zu leicht wie ein verängstigter Hund, Lautstärke und Schmerz fördern kein Vertrauen in Veränderung.